... newer stories
Sonntag, 16. Oktober 2011
(Nicht korrigiert) Skyline Teil 1
spintop, 20:27h
"Untergehen", haben sie gesagt. "Versuch nicht unterzugehen." Ahab schüttelte kurz den benebelten Kopf und nahm nach kurzem Zögern den letzten Rest Flüssigkeit aus dem Glas, welches kalt in seiner Hand liegt, obgleich er es seit einer Stunde kontinuierlich fesgehalten hatte. Woher hätten sie auch wissen sollen, dass sie damit gar nicht so falsch liegen würden. Der Matrose schüttelte erneut sein schütteres Haupt und stellte das Glas nun doch endlich aus der Hand. Warm würde es ohnehin nicht mehr. Die schlechte Luft in der schmalen Kaschemme, zusammen mit dem vielen Nicotin und auch dem Alcohol, der wohl nicht zu wenig zum schlechten Zustandes Ahabs begetragen hatte, hatten ihm Kopfschmerzen verursacht. Leicht schwankend stand er auf und versuchte mit zittrigen Fingern seinen letzten Geldschein aus der Tasche seiner zerfetzten Hose zu ziehen. Mit einem leichten Schreck stellte er fest, dass er genau das gleiche vor einigen Stunden getan hatte um sein kümmerliches Mittagessen zu bezahlen. Seit dem hatte er nichts mehr gehabt. Leise fluchend versuchte er sich nichts anmerken zu lassen und sog kräftig an der Zigarette die vor ihm im Aschenbecher steckte. Er ließ sie, nur halb geraucht, zurück. Obgleich es seine letzte war, wollte er den Eindruck vermitteln, er käme gleich wieder. Mit seiner kalten Hand fuhr er sich über die Stoppeln an seinem Kinn, während er sich, nunmehr kräftiger schwankend als sein müsste, in Richtung der Toilette wand. Er nickte dem Wirt knapp zu und spürte dessen leicht misstrauischen Blick in seinem Rücken. Doch Ahab konnte es ihm nicht übel nehmen. Er würde sich selbst nicht trauen, wenn er sich vor sich stehen hätte. Dabei konnte er von Glück noch reden, dass niemand seinen wahren Zustand bemerkte. Seine Vergangenheit holte ihn ein. Doch das war der gerechte Lohn, vor dem er früher immer gewarnt worden war. Er hatte ihn verdient. Er hatte Dinge getan, die schwächere Menschen in den Wahnsinn getrieben hätten. Oder noch mehr in den Wahnsinn, als sie es mit Ahab gemacht hatten. Er schnaubte belustigt über seinen eigenen Gedanken und öffnete die Tür zur Toilette. Der Raum dahinter war klein und schmutzig. Ebenso wie der Rest der Taverne. Doch es gab einen Unterschied. Über dem Waschbecken war ein Spiegel. Ahab stockte. Es war ein nicht unerhebliches Risiko für ihn, sich in der Nähe der Tore aufzuhalten. Doch zurück konnte er nicht so einfach, ohne das der Wirt noch misstrauischer geworden wäre und ihn vielleicht für eine Zwischenzahlung heranziehen würde. Zudem hatte er ziemlich erfolgreich seine Spuren verwischen können, in den vergangenen Monaten. Als letztes überzeugte ihn, das er inzwischen wirklich pissen musste. Nach all dem Bier und dem anderen Zeug das er in sich hineingekippt hatte, kein Wunder. Eines leichten Zögerns konnte er sich dennoch nicht erwehren, als er den Raum vollends betrat. Die Tür fiel hinter ihm zu. Der knallende Laut klang irgendwie endgültig, fand Ahabs Unterbewusstsein. Ein leichtes Rütteln erschütterte den Raum. Vermutlich von der Skyline, die keine zehn Meter über der Kneipe entlangführte. Keine anderen Gebäude fanden sich in diesem Umkreis der Line. Zu groß war die Gefahr, bei einem Unfall in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Doch dem Kneipenbesitzer und den meisten Besuchern schien das gleichgültig. Auch wenn es theatralisch klang, aber wer in diese Kneipe ging hatte ohnehin so gut wie nichts mehr zu verlieren. Vielen wäre das vermutlich sogar gelegen gekommen. Nachdem Ahab getan hatte, was jeder Mann allein tun musste, wusch er sich die Hände. Eine Angewohnheit von früher. Dabei hob er unwillkürlich den Blick und sah in den Spiegel. Es war ein altertümliches Ding, noch mit echtem Holzrahmen. Vermutlich hatte es nicht mal einen Anschluss ans Netz. Ahab grinste der heruntergekommenen Kreatur zu, die er dort erblickte. Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme, schien sein Unterbewusstsein zu finden und zählte die Dinge auf, die noch schlechter geworden waren, seit dem er sich das letzte Mal gesehen hatte. Die Augenringe waren tiefer und noch schwärzer geworden. Beinahe wie mit Kohle nachgezogen. Oder sollte er lieber sagen, der Augenring? Das er sein Auge verloren hatte, war auch noch relativ neu. Noch hatte er sich nicht daran gewöhnt und wusste nicht, ob er es jemals würde. Sowohl sein Anblick, als auch seine eigene Perspektive hatten sich vollkommen verschoben. Die schwarze Augenklappe machte das ganze nicht besser und seine geplante Teilnahme am internationalen Scharfschützen- Wettbewerb konnte er wohl abschreiben. Wieder hob er einen Mundwinkel. Dabei platzte seine Unterlippe auf, die mehr als ausgetrocknet aussah und ein hellroter Blutstropfen rann über sein Kinn, auf dem sich immer mehr graue als braune Bartstoppeln befanden. Er wischte das Blut weg und musste unwillkürlich auf seine Hand blicken. Auf dem Rücken zeigten sich schwarze Flecken, die sich alle Mühe gaben, zu einem großen zu werden. Seine Fingerspitzen waren ebenso schwarz und seine Hand zitterte beständig. die Adern führten inzwischen schwarzes Blut. Seine andere Hand wollte er nicht ansehen, also ließ er sie wo sie war. Sein Gesicht war hager geworden und wirkte durch die roten Flecken fiebrig. Als letztes schaute er sich selbst in das Auge. Langsam aber sicher verlor es tatsächlich die blaue Farbe und wirkte immer mehr stumpf grau. Ein leichtes Seufzen kam über seine Lippen. Das hätte ihr nicht gefallen, dachte er. Sie hatte seine Augen immer geliebt. Er schüttelte erneut den Kopf. Dabei fielen ihm ein paar schwarze Strähnen ins Gesicht. Lediglich seine Haare waren beinahe unverändert, dachte er. Schwarz wie die Nacht, mit kaum weißen Strähnen dazwischen. Etwas länger, versteckte er sie die meiste Zeit unter einer Mütze. Mit einer Hand nahm er etwas von der synthetischen Flüssigkeit auf, die Wasser zu ersetzen suchte und spritzte sie sich ins Gesicht. Vielleicht noch Zehn Monate. Weniger, wenn er sich beeilte. Endlich wäre es ihm erlaubt... als er erneut aufschaute, blickte er in ein fremdes Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde war Ahab fassungslos. Selbst dieses altertümliche Ding von Spiegel war... weiter kamen seine Gedanken nicht, denn sein Unterbewusstsein und damit seine Reflexe übernahmen die Kontrolle. Während das Gesicht und der dazugehörige Körper sich noch aus dem Spiegel zwängten, riss Ahabs Hand seinen Revolver aus seinem Schulterholster und legte die Mündung genau auf die Stirn der transportierenden Person. Diese hatte noch genug Zeit überrascht auszusehen, während eine Kugel bereits durch den Schädelknochen jagte und jedes Leben, welches diese Person eins besessen hatte, unwiederbringlich auslöschte. Die Kugel trat aus dem Hinterkopf wieder aus und zerschmetterte den Spiegel dahinter. Wunderbar, dachte sich der Matrose. Konnte er sich die zweite Kugel sparen. Ohne zu überlegen hastete Ahab gegen die Tür, die unter seiner Wucht zersplitterte. Er war nicht so naiv zu glauben, dass der Erschossene allein gekommen war. Halb stolpernd trudelte er in den Schankraum, was ihm vermutlich das Leben rettete. Den durch seine ungeschickte Stolperei entkam er der Klinge, die sich nun überhalb von ihm in den Türrahmen bohrte. Innerhalb einer Sekunde überblickte er die Szenerie. Es war niemand mehr am Leben in diesem Raum, den er nicht töten durfte. Seine Gegner hatten den Wirt und alle Besucher sehr leise und erstaunlich schnell in die jenseitige Welt verfrachtet. Blitzschnell drehte er sich halb und stieß sich mit den Füßen ab. Sein Revolver kam mit dieser Drehung unter der Achsel des Schwertkämpfers vor ihm zum Ruhen. Er schoß zweimal. Blut spritzte durch den Raum, als der gedungene Mörder mit einem Schrei zurücktaumelte. Wenn er nicht starb, würde er niemals wieder ein zweihändiges Schwert halten können. Ahab prallte auf den Boden und hörte einen Schuss, der sich ins Holz der Theke über ihm bohrte. Er wandte den Blick und sah zwei weitere Söldner, die ihre Waffen in seine Richtung rissen. Er ließ ihnen keine Zeit und nutzte seine ernorme Geschwindigkeit, die er trotz seines Zustandes noch hatte, um seine eigene Waffe in ihre Richtung zeigen zu lassen. Wieder schoss er zweimal. Die erste Kugel traf präzise zwischen die Augen des rechten Mannes, der zusammenbrach. Die zweite war jedoch schlecht gezielt und verwundete den zweiten Mann lediglich an der Schulter. Wenigstens entlud sich die Waffe seines Feindes nun gen Decke, als dieser von der Wucht der Kugel umgerissen wurde. Ahab sprang auf. Bisher lief es gut. Er durfte nur nich seine Macht anwenden. Dieser Gedanke kam ihm jedes Mal, wenn er in Situationen wie dieser war. Hektisch wandte er sich um. Es musste wenigstens noch ein Feind hier sein. Eben hatte er hinter dem Thresen gestanden, doch schien der Mann die Zeit genutzt zu haben, sich zu verstecken. Schlecht für den Matrosen. Einen kurzen Atemzug wartete er noch, dann duckte er sich hinter einem Tisch. Kurz wunderte sich sein Verstand, dass grade in einer dieser billigen Kneipen noch so viel echtes Holz zu finden war. Normalerweise mochte er die Überreste der alten Welt. Doch heute wäre ihm ein einfacher Stahltisch lieber gewesen. Der hätte wenigstens nicht so einfach Kugeln durchgelassen. Hektisch lud er nach, halbwegs davon überzeugt jeden Moment einen Schuss in den Rücken zu bekommen.
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories