Donnerstag, 12. Juni 2014
Heute Morgen musste ich nicht wie sonst mit meiner Schwester früh morgens in Richtung der Stadt gehen um Fisch zu kaufen. An anderen Tagen stehen wir noch vor der Sonne auf und laufen die sechs Kilometer zum Markt. Dort, so hat uns unsere Mutter beigebracht, müssen wir nach bestimmtem Fisch Ausschau halten. Er darf nicht zu frisch sein, weil der zu teuer ist. Er darf aber auch nicht zu alt sein, weil wir den sonst nicht weiterverkaufen können. Er wäre bis zum Abend verdorben. Ich bin sehr gut darin, den richtigen Fisch zu finden. Meine Schwester kann besser handeln, aber ich bin diejenige, die den Fisch findet. Das mache ich ungefähr seitdem ich sechs bin. Als mich meine Mutter heute Morgen geweckt hat war alles anders. Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass meine Schwester bereits weg war und wollte mich bereits entschuldigen. Doch Mama hat nur gelächelt und mir über den Kopf gestrichen. Keine Sorge hatte sie gesagt. Ich habe dich extra ausschlafen lassen. Dann gab sie mir mein Kleid. Es war frisch gewaschen wie ich erstaunt feststellte. Sie musste es gestern Nacht gemacht haben, erst habe ich mich gefreut, aber dann sah ich, dass ihr Kleid noch schmutzig war. Sie wusch sonst immer alles auf einmal. Ein ungutes Gefühl stieg in meinem Bauch auf, als ich verstand, dass etwas anders war als sonst. Auch wenn meine Mutter lächelte wirkte sie komisch. Ich stand auf und durfte mich in aller Ruhe waschen. Mama hatte mir extra eine Schüssel mit Wasser hingestellt. Auch das war anders als sonst. Das letzte Mal hatte sie das gemacht, als wir meinen Vater gefragt haben, ob ich zur Schule gehen dürfte.
Als ich Sechs war hatte sie mich wie heute später aus dem Bett geholt und besonders schön herausgeputzt. Sie hatte auch damals so traurig gelächelt. Als hätte sie gewusst was er sagen würde. Ich hatte damals noch nicht viel davon verstanden. Bis dahin habe ich immer spielen dürfen. Mit anderen Mädchen aus der Nachbarschaft. Zusammen waren wir zu meinem Vater gegangen. Doch er wollte es damals nicht. Er hatte Mama nicht aussprechen lassen als ihm klar wurde was sie ihn Fragen wollen würde. Nur mit dem Kopf geschüttelt hatte er und gefragt woher das Geld kommen sollte, dass ich verdienen könnte. Das unsere Familie das Wenige das ich nach Hause bringen konnte brauchte und auch kaum welche von meinen Freundinnen in die Schule gingen. Papa hatte Recht. Außer die beiden Schwestern von gegenüber, ging kein Mädchen aus der Nachbarschaft in die Schule. Außerdem waren die beiden Mädchen von drüben schon ein Jahr später verheiratet worden. Sie hatten die Schule aufgegeben.
Ich bin Salima und mit sechs Jahren fiel die Entscheidung, dass ich niemals lesen können werde. Nicht schreiben oder einen richtigen beruf lernen werde.
Als ich mit Waschen fertig war prüfte meine Mutter ob alles richtig war. Sie strich mir über den Kopf und führte mich in den Nebenraum. Dort lebten, kochten und aßen wir alle zusammen. Doch heute war nur mein Vater dort. Mein Vater und ein fremder Mann. Sie hörten auf zu sprechen als ich in den Raum kam. Papa schaute mich nicht an, doch der Fremde blickte einmal zu mir. Er schien mich von den Füßen bis zu meinen Haaren anzuschauen und nickte dann. Mama brachte mich dann nach draußen und ich hörte wie die beiden Männer wieder zu sprechen begonnen. Meine Mutter ließ mich draußen ein wenig spielen, doch ich hatte keine große Lust, obwohl sonst nur am Abend, wenn überhaupt, Zeit dafür war. Ich stocherte ein wenig lustlos mit einem Ast in den Boden und Mama ging wieder hinein. Kurz zögerte ich, doch dann siegte meine Neugier. Ich wusste von einem Loch in der Wand, durch das man in unser Haus schauen konnte. Ich quetschte abwechselnd mein Auge und mein Ohr an die Öffnung, doch viel verstehen konnte ich nicht. Sie schienen über mich und den Mann zu sprechen. Meine Mutter sagte gar nichts, doch einmal konnte ich sehen, dass sie weinte. Das ungute Gefühl wurde übermächtig und ich bekam Angst. Stocksteif setzte ich mich auf einen Ast und wartete. Wenig später ging der Mann und Mama holte mich zurück ins Haus. Ich musste mich an den Esstisch setzen und mein Vater schaute mich lange an, ehe er es sagte.
Mein Name ist Salima. Ich bin 11 Jahre alt und werde heiraten. Nicht jetzt, wie mir mein Vater gesagt hat, sondern erst nächstes Jahr. Kurz nach meinem zwölften Geburtstag. Es fühlt sich seltsam an, nicht zu wissen wer mein Mann sein wird. Ich habe ihn zwar kurz sehen können, als er zu Besuch war, doch sprechen schien er mich nicht zu wollen. Mein Mann ist alt. Es fühlt sich seltsam an, wenn ich daran denke wie schnell alles gegangen war.
Es ist jetzt zwanzig Jahre her, dass ich geheiratet habe. Heute bin ich zu einem Arzt gegangen. Mein Mann hatte mich dorthin geschickt als er entdeckt hatte, dass ich, wie er sagte, oft krank war. Ich sollte herausfinden was mir fehlte. Er hatte Recht, ich war oft krank. Doch so ging es den meisten Frauen in der Gegend, also hatte ich mir keine besonderen Gedanken gemacht. Ich hatte also meine drei Kinder versorgt, zwei davon zum Markt in die Stadt geschickt und das dritte, meine jüngste Tochter, zu einer Nachbarin gegeben. Dann ging ich zum Arzt. Der hatte mir nach einem schnellen Blick nur Blut abgenommen. Er hatte nichts gesagt und sah müde aus. Ein ungutes Gefühl war in meinem Bacuh gewachsen. Ich kannte das Gefühl. Jetzt sitze ich seit zwei Stunden in dem Wartezimmer als der Arzt mit einer Krankenschwester hereinkommt. Sie lächeln beide so traurig. Ich kenne dieses Lächeln von meiner Mutter und das schlechte Gefühl steigt in meinen Kopf. Mir wird schwindelig. Ich möchte nicht hören, was die beiden mir sagen, doch ich kann nicht aufstehen. Das kann nicht sein. Ich war meinem Mann immer treu. Ich kann nichts dafür, dass ich krank werde. Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass ich seit fünf Jahren kein Kind mehr bekommen habe. Die Arbeit auf dem Feld meines Mannes ist zu anstrengend. Der Arzt lächelt nicht mehr, als er mir sagt was ich habe.
Heute bin ich, Salima, 32 Jahre alt. Ich werde die vierzig nicht mehr erleben. Vorher wird der Virus mich umbringen, wie der Arzt sagt.
Ich bin Salima. Ich bin 39 und lebe auf der Straße. Mein Mann hat mich vor einem Jahr verstoßen. Ich habe ihn betrogen und er ist nicht verantwortlich für meine Krankheit hat er gesagt. Auch wenn es ihm ebenfalls immer schlechter gegangen ist. Ich sehe meine Kinder nicht mehr und habe niemanden zu dem ich gehen könnte. Das was von meiner alten Familie übrig ist, hat mich verstoßen nachdem sie wussten was in meinem Körper ist.

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