Mittwoch, 16. November 2011
Zweiter Teil
Nach wenigen Dutzend Schritten begann der Tunnel sich zu erweitern und öffnete sich schließlich zu einer großen Kaverne. An den Wänden und der Decke hingen lange Fäden, die zu seltsam weißlichen Ausbuchtungen führten. Manche von ihnen waren klein wie Samiras Finger. Andere größer als ihr Oberkörper. Aber alle hatten sie eins gemeinsam. Sie glühten leicht in der Dunkelheit und machten jede weitere Lichtquelle sinnlos. Leise grummelnd sah Samira zu ihrer Flamme, die mit einem leisen Puffen verschwand. Fängt sehr gut an... Beschwerte sie sich in Gedanken beim Schicksal. Vorsichtig ging sie an der schmalen Balustrade entlang, immer darauf bedacht nicht an die Fäden zu stoßen. Samira war oft genug hier unten gewesen, um zu wissen was es mit diesen Wesen auf sich hatte. Sobald man gegen ihre Fäden stieß, klebte man fest. Bei Kleineren war das natürlich nicht so schlimm, aber bei den größten Exemplaren konnte es durchaus vorkommen, das man nicht mehr freikam. Und dann, sobald man anfängt an den Fäden zu zerren, erwacht das Wesen und zieht einen zu sich. Ein riesiges Maul würde sich auftun und mittels langer Zähne Gift in den Körper spritzen, den das Wesen sich geangelt hatte. Ist man dann erst gelähmt, gibt es keine Rettung mehr, wenn man allein ist. Das Wesen würde sein Opfer stück für Stück zersetzen und fressen. Samira schauderte, als sie unfreiwillig an einen ihrer Kollegen dachte, den sie vor einigen Jahren in der Kanalisation gefunden hatte. Ursprünglich hatten sie sich treffen wollen. Doch nachdem Er nicht erschienen war, suchte Samira ihn. Gefunden hatte sie nur den Unterleib, halb aus einem dieser Wesen heraushängend. Gestunken und gezischt hatte es, nachdem sie das Wesen getötet und den Dieb befreit hatte. Hinterher bereute sie es beinahe. Den Anblick würde sie nie vergessen. Leise seufzte sie und dachte an die Münzen die Er damals wenigstens dabei gehabt hatte. Es war nicht alles vergebens gewesen. Sich wieder auf ihre Aufgabe konzentrierend, schüttelte sie die Erinnerung ab. Sie hatte den Dieb gemocht, aber so war es in Tar´ Salim. Oder Freistadt... dachte sie bitter, wie man es inzwischen nannte. Leben und Tod sind stets dicht beieinander. Schließlich erreichte Samira den Boden der leeren Kaverne. Bis hier unten hingen nur die wenigsten Fäden, der größten Blindangler. Auch diese umging die junge Diebin vorsichtig, ehe sie die dunkle Toröffnung passierte, die sie im steilen Winkel wieder nach Oben führen sollte.

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