Dienstag, 4. März 2014
Er betrat die Bahnhofshalle und versuchte sich unauffällig umzuschauen. Er wusste genau worauf er zu achten hatte. Seine jahrelang geschulten Instinkte musste er nicht mehr aktiv lenken um Dinge zu bemerken, die andere vielleicht übersehen hätten. Aus Gewohnheit schlug er den Kragen seines Mantels nach oben. Zwar konnte er in der Öffentlichkeit nicht sein Gesicht verbergen, ohne das er mehr Aufmerksamkeit auf das gezogen hätte, was eine Maske eigentlich zu verstecken versuchte, aber seine Gewohnheiten konnte man nicht einfach abstellen. Victor war es gewohnt sich zu verstecken, nicht aufzufallen und beinahe unsichtbar zu werden. Sein Leben hatte ihm diese, manchmal zweifelhaften, Gaben zukommen lassen. Plötzlich verharrte er im Schritt und wandte sich in beinahe derselben Sekunde nach links an einen Zeitungsständer. Irgendwas hatte in ihm die Alarmglocken zum Klingen gebracht. Viktor tat so, als würde er um den Ständer herumgehen, um sich einen Überblick über die Halle zu verschaffen. Es war noch früh und nur wenige Leute standen herum und warteten auf die Abfahrt ihrer Züge. Ausser ihm waren nur zwei ältere Damen, mehrere betrunkene Punks und eine Schulklasse unterwegs. Niemand in dem er mehr erkennen konnte, als das Auge zu sehen vermochte. Der Mann griff sich eine Zeitung und runzelte die Stirn. Vielleicht hatte er sich getäuscht? Eigentlich war seine Tarnung die letzten Jahre perfektioniert. Er trug das unauffällige Gesicht eines Büroangestellten in leitender Position. Elegante aber dennoch schlichte Kleidung und ein ruhiges Leben sicherte ihm Anonymität und Verborgenheit. Unbewusst strich er sich über die kurzen Haare, die er heute unauffällig frisiert trug und steckte dann die Zeitung zurück. Er musste sich tatsächlich getäuscht haben. Leise schnaubte er und schüttelte im Weitergehen den Kopf. Er war einfach zu misstrauisch. Nach wenigen Metern hatte er die Abzweigung zu seinem Ziel erreicht und misstrauisch hin oder her, er schaute sich erneut um, ehe er weiterging. Zwar wollte er bei der Ankunft seines Sohnes nicht paranoid erscheinen, aber noch weniger wollte er tot sein. Erneut nahm er nichts wahr, was ihn misstrauisch werden ließ und so entschied er auf direktem Weg zum Gleis zu gehen. Er wandte sich um und das nächste an das er sich erinnern konnte, waren die Schmerzen in seinem Rücken. Er lag nicht unweit der Stelle, an der er sich eben noch umgesehen hatte und versuchte die Nebel vor seinen Augen wegzublinzeln. Victor versuchte eine Hand zu heben und stieß einen zischenden Laut aus, als sich der Schmerz durch seinen Körper wühlte. Eine Sekunde später realisierte er etwas viel schlimmeres. Seine komplette rechte Körperseite war gelähmt. Victor spürte seinen Herzschlag, dessen Schlagzahl deutlich über seinem gewohnten Puls war. Rauschen war in seinen Ohren und er spürte etwas warmes seinen Rücken herunterlaufen. Plötzlich kam ein Schatten über ihn. Instinktiv wusste der Mann, dass dieser Jemand für seinen Zustand verantwortlich war. Dies verriet ihm zwei Dinge. Erstens hatte sein Gefühl ihn eben nicht getäuscht und zweitens: Dieser Mann wusste genau über ihn Bescheid. Niemand der nicht über seine besonderen Fähigkeiten wusste hätte ihn dermaßen überraschen können. Der Fremde musste über eine ebenso gute Ausbildung verfügen… mindestens.
„Victor? Hörst du mich?“
Der Angesprochene kannte die Stimme nicht. Vielleicht war aber auch nur sein Zustand schuld, welcher inzwischen seine Sinne beeinträchtigte. Victor wunderte sich kurz. So war das Sterben also. Insgesamt war es gar nicht mal so schlimm. Die Schmerzen ließen nach, ihm war warm. Vielleicht hätte er gerne seinen Sohn noch einmal gesehen… doch auch dieses Verlangen ließ langsam nach. Es war, als driftete er bereits jetzt aus seinem Körper heraus und als würde dieses Gefühl des überwältigenden Friedens seine Bedürfnisse vollständig ersticken. Das letzte was er wahrnahm, ehe er in die Dunkelheit glitt, war ein Lächeln des Mannes über ihm.

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